Nachgefragt: Ein Interview mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka

Nachgefragt: Ein Interview mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka

Veronika Szczepkowska studiert im 1. Semester Materialwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Gemeinsam mit unserem Redakteur Joachim Welding befragte sie die Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka über Frauen in MINT-Berufen und wie Mathematik bei der politischen Arbeit hilft. 

Frau Ministerin, eine private Frage zu Beginn: Warum haben Sie sich für ein Mathematik-Studium entschieden? 

Johanna Wanka: Ich mochte in der Schule verschiedene Fächer gern, besonders aber Mathematik und Deutsch. Ich hätte deshalb auch gern Germanistik studiert. Aber ich bin in der DDR aufgewachsen, also in einer Diktatur. Und ich habe mir damals überlegt, dass ich als Mathematikerin weniger mit der Ideologie der herrschenden SED zu tun haben würde, als beispielsweise im Kulturbetrieb als Germanistin. Und ich mochte die klare Logik von Mathematik, deshalb habe ich mich sehr über das Studium gefreut.CMYK_Foto_Wanka_aktuell-28e3d94baa689c50

Warum interessieren sich auch heute noch weniger Frauen als Männer für ein Studium der Technik, Naturwissenschaften oder der Mathematik und Informatik? 

Junge Frauen verfügen heute über so viel Bildung wie noch nie. Im PISA-Test zeigen Mädchen ganz ähnliche Leistungen in den Naturwissenschaften wie Jungen. Und von überlieferten Rollenbildern muss sich heute keine junge Frau mehr diktieren lassen, welchen Beruf sie ergreifen sollte. Kurz: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Frauen nicht genauso in MINT-Berufen vertreten sein sollten wie Männer. Und doch sieht die Realität bei uns vielfach noch anders aus.

Ich glaube, dass dies auch damit zu tun hat, ob es für Mädchen entsprechende Vorbilder gibt. Je mehr Frauen als Kfz-Meisterinnen, Physik-Lehrerinnen oder Maschinenbau-Ingenieurinnen arbeiten, desto selbstverständlicher leben sie diese Karrierewege vor. Wichtig ist auch die familiäre Prägung. Wir wissen aus internationalen Studien der OECD, dass Eltern in Deutschland leider ihren Töchtern seltener mathematisch-naturwissenschaftliche Berufe zutrauen als ihren Söhnen. In Südkorea beispielsweise ist das anders. Aber über kurz oder lang ändert sich das hoffentlich: In den letzten Jahren sehen wir nämlich einen erfreulichen Aufwärtstrend, es studieren immer mehr junge Frauen MINT-Fächer. Technische Ausbildungsberufe sind allerdings immer noch eine Männerdomäne. Das ist schade, denn es gibt sowohl für junge Frauen wie auch für junge Männer jenseits der „typischen“ Bereiche viele spannende Ausbildungsberufe.

Wie könnte man mehr Frauen für MINT-­Fächer begeistern bzw. was macht die Bundesregierung, um mehr Frauen für MINT-Berufe zu gewinnen?

Begeisterung entsteht durch gute Erfahrungen. Der Funke muss überspringen. Wichtig ist es also, möglichst viele Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Mädchen und junge Frauen Einblicke in MINT-Berufe bekommen, ihre eigenen Fähigkeiten entdecken können und mit Vorbildern Kontakt haben. Mein Ministerium hat mit diesem Ziel vor ein paar Jahren den „MINT-Pakt“ ins Leben gerufen, in dem inzwischen mehr als 200 Partner mitmachen – Unternehmen, die gezielt Praktika für Mädchen bereit stellen, Hochschulen, die Schülerinnen und MINT-Studentinnen zusammen bringen oder Verbände, die ­Experimentier-Workshops für Schülerinnen anbieten. Davon gibt es deutschlandweit hunderte Veranstaltungen und Projekte im Jahr. Am Girls‘ Day und Boys‘ Day können Mädchen und Jungen Berufe fern der Rollenklischees kennenlernen. Wir unterstützen auch Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder Mathematik-Olympiaden, die Freude am Forschen, Denken und Tüfteln vermitteln. Und wir sorgen zusammen mit den Ländern für eine neue Qualität in der Lehrerausbildung, damit auch der Unterricht von MINT-Fächern in der Schule noch besser wird.

Veronika Szczepkowskan studiert im 1. Semester Materialwissenschaften

 

Viele Frauen fühlen sich in den männer­dominierten MINT-Berufen ungerecht behandelt, denn immer noch verdienen sie deutlich weniger Geld als Männer. Wie kann man ein Umdenken in den Personalabteilungen erreichen? 

Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist ein wichtiger Grundsatz, den alle Unternehmen beachten müssen. Oft haben Frauen aber nicht die gleichen beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und bleiben deshalb bei den Einkommen zurück. Ich glaube, dass es deshalb sinnvoll ist, sich auf Zielvorgaben in der Personalentwicklung zu verständigen. In den großen Forschungsorganisationen, für die ich als Ministerin zuständig bin, machen wir das zum Beispiel so: Der Frauenanteil auf jeder wissenschaftlichen Karrierestufe, also etwa bei wissenschaftlichen Mitarbeitern oder Professoren, soll hier mindestens so hoch sein, wie der Anteil der direkt darunter liegenden Qualifizierungsstufe. Ich bin im Übrigen überzeugt, dass der wachsende Fachkräftebedarf und der demografische Wandel dazu führen, dass die Unternehmen, die sich bisher noch nicht so sehr um Chancengleichheit bemüht haben, dies tun werden. Wir können in Deutschland auf die Potenziale von Frauen nicht verzichten.

Welche Vorteile hat ein Unternehmen, wenn es eine Frau statt eines Mannes einstellt?

Es geht bei Chancengerechtigkeit nicht einfach darum, eine Frau anstelle eines Mannes einzustellen oder umgekehrt. Chancengerechtigkeit im Arbeitsleben bedeutet im Wesentlichen, für Frauen und Männer gleiche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsweg zu schaffen. Aber die Talente und Potenziale von Frauen einzubinden, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit – Wirtschaft und Wissenschaft haben auch ganz eigennützig etwas davon. Gemischte Teams führen nämlich, wenn sie geeignete Rahmenbedingungen vorfinden, zu besseren Ergebnissen.

„Chancengleichheit im Arbeitsleben bedeutet im Wesentlichen, für Frauen und Männer gleiche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsweg zu schaffen.“

Sind technische Berufe in Zukunft stärker gefragt als andere Berufe?

Das kann man so nicht sagen. Wir brauchen zum Beispiel auch viele Pflegekräfte, weil die Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird; oder viele Erzieherinnen und Erzieher, weil die Kinderbetreuung ausgebaut wird. Aber natürlich gibt es gerade in Deutschland mit seiner hochentwickelten Industrie auch eine große Nachfrage nach technischen Fachkräften. Was in Zukunft dabei immer wichtiger wird, sind die Einflüsse der Digitalisierung. In der Fabrik der Zukunft sind alle Maschinen miteinander vernetzt, Industrie 4.0 nennen wir das. Und Fachkräfte müssen in Zukunft auch über diese Digitalisierung gut Bescheid wissen. Wir arbeiten gerade daran, die berufliche Bildung auf die Anforderungen der Digitalisierung einzustellen, zum Beispiel indem die Berufsbildungsstätten so modern ausgestattet werden, dass Azubis dort auch den Umgang mit Assistenzrobotern oder 3D-Druckern lernen können.

Welche Ausbildung ist am geeignetsten, wenn man Politiker/in werden möchte?

Jeder kann sich bei uns in Deutschland politisch engagieren. Ganz viele Politikerinnen und Politiker, zum Beispiel in Städten und Gemeinden, üben ihre Aufgaben ehrenamtlich aus, also in ihrer Freizeit neben ihrem Beruf. Wie vielfältig die Wege in die Politik sind, sieht man auch im Deutschen Bundestag, die Biografien der Abgeordneten dort sind ganz bunt gemischt: Da gibt es Landwirte, Metzgermeister oder Lehrer ebenso wie Juristen, Ingenieure oder Polizisten. Und das ist auch gut so, schließlich soll das Parlament die ganze deutsche Bevölkerung vertreten. Deshalb ist es wichtig, dass die Abgeordneten auch die Blickwinkel unterschiedlicher Berufsgruppen und ihre Anliegen kennen. Und nach ihrer Zeit im Bundestag arbeiten die meisten Abgeordneten dann auch in ­ihrem erlernten Beruf weiter.

Ein private Frage zum Schluss: Hilft Ihnen Ihr beruflicher Hintergrund als Mathematikerin heute bei Ihrer politischen Arbeit im Ministerium?

Naturwissenschaften und Mathematik können hilfreich in der Politik sein, wo man oft pragmatisch und zielgerichtet arbeiten muss. Aber Politiker können natürlich aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen und erfolgreich ein Ministerium leiten. Im Bundeskabinett sind ganz verschiedene Fachrichtungen vertreten: Die Kanzlerin ist Physikerin, die Verteidigungsministerin Medizinerin, der Bundesinnenminister hat Jura studiert…

Frau Wanka, vielen Dank.

TEXT Joachim Welding
FOTOS Sebastian Weimar, Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung, BMBF/Rickel

 

Weitere Artikel zu diesem Thema