Mit dem Bürgermeister auf einen Kaffee

Mit dem Bürgermeister auf einen Kaffee

Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe im Interview

Jedes Kind in Lübeck kennt Bernd Saxe. Denn der Mann mit der markanten Stimme ist seit 16 Jahren Bürgermeister der Hansestadt. Bevor er hauptberuflich in die Politik einstieg, machte Saxe ganz brav eine Lehre: Mit der Mittleren Reife lernte er in Dortmund bei Siemens den Beruf des Industriekaufmanns. Später legte er bildungsmäßig nach und studierte Sozialwissenschaften (Diplom-Sozialwirt). Mehrere Jahre war er Bundesvorsitzender des Jugendwerkes der Arbeiterwohlfahrt. Im Jahr 2000 schließlich wurde der heute 62-Jährige zum Bürgermeister Lübecks gewählt.

Herr Saxe, eine persönliche Frage zu Beginn: Was wollten Sie als Schüler werden?
Da gab es verschiedene Wünsche: Als Kind waren es technische Berufe, später war der Journalist eine Überlegung, auch der Jurist. Auch für kaufmännische Berufe habe ich mich interessiert. Und das ist es dann ja auch geworden.

Wie kam es, dass Sie sich politisch engagiert haben?
Das war sehr früh. 1968 während der Studentenproteste war ich 14 Jahre alt. Damals fing ich bei der Jugendorganisation der SPD in meinem Stadtteil in Dortmund an. Es ging nicht darum, die Welt zu verändern, wenn man neu dazukam. Dann mussten Neulinge zum Beispiel die Beiträge der Mitglieder kassieren, damals noch in bar, während man von Haus zu Haus ging.

Was waren Ihre Ideale, für die sie eintraten?
Die Politik in Deutschland war damals ziemlich erstarrt. Wir jungen Leute hatten uns gefragt: Wie konnte das mit Hitler eigentlich passieren? Was haben unsere Eltern gemacht in den Jahren 1933 bis 1945? Das hat uns bewegt damals. Ganz bedeutend war, als Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis bekam. Es war unvorstellbar, dass nach dem Holocaust und den Kriegsverbrechen der Nazis jemals ein Deutscher wieder in der Weltgemeinschaft aufgenommen werden würde. Das war für eine ganze Generation ein Wachrütteln. Wir wollten auch, dass die Schule gerechter wird, dass Arbeiterkinder die Chance bekommen, zu studieren. Erschreckend ist, dass wir heute, 50 Jahre später, noch nicht wesentlich weiter gekommen sind.

Die Hansestadt Lübeck gilt als eine der schönsten Deutschlands. Welche sind Ihre Lieblingsplätze?
Zuallererst: Es ist natürlich immer ein erhabenes Gefühl, morgens in dieses schöne, alte Rathaus zu kommen. Dieses beeindruckende Gebäude mitten in der Stadt macht ein wenig demütig, weil es in Anbetracht der 850-jährigen Geschichte Lübecks signalisiert, dass man selbst nur ein ganz kleines Rädchen ist. Die Altstadt als Weltkulturerbe ist sehr schön, aber ich mag auch das Dummersdorfer Ufer, ein Naturschutzgebiet an der Trave. Wenn ich viel Zeit habe, nehme ich schon mal das Fahrrad und fahre bis nach Travemünde direkt an die Ostsee.

Das Rathaus zu Luebeck

Das Rathaus zählt für Bernd Saxe zu den beeindruckendsten Gebäuden Lübecks

 

Was macht für Sie den Reiz Lübecks aus?
Es ist das große kulturelle Erbe, die grandiose Altstadt. Ich glaube aber, dass die Vielfalt den Reiz ausmacht. Lübeck lebt durch Kultur, wie Theater und Museen, aber auch durch Erlebnisse wie ein Einkaufsbummel durch die Altstadt. Dazu gehört auch die Natur am Wasser wie etwa in Travemünde. Wir haben ja fast 2 Millionen Übernachtungen von Besuchern hier. Das liegt daran, dass wir für alle Interessen und Geschmäcker etwas zu bieten haben.

Was hat die Stadt für junge Leute zu bieten?
Die Studierenden, von denen wir fast 10.000 hier haben, sagen: Studieren ist heute anspruchsvoll geworden, auch stressig. In der knappen Freizeit wollen sie etwas erleben, genießen. Ich kann am Strand spazieren gehen oder mich mit Freunden im Kino in der Stadt treffen und vieles andere mehr. Die Vielfalt der Möglichkeiten macht den Reiz aus, denke ich. Wir haben allein fünf alternative Theater, und auch die Junge Bühne am städtischen Theater kann jungen Leuten eine Menge vermitteln. Als Hansestadt schaut Lübeck auf eine spannende Geschichte zurück – das neue Hansemuseum bereitet das Thema modern, interaktiv und audiovisuell auf. Auch das Buddenbrookhaus, das der Schriftstellerfamilie Mann gewidmet ist, würde ich jungen Leuten ans Herz legen. Die großen Nobelpreisträger und Lübecker Willy Brandt und Günter Grass waren hier zuhause. Ein Besuch der Gedenkhäuser lohnt sich immer.

Wie gelingt es, junge Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan zu integrieren?
Das ist einfacher als viele glauben, denn die jungen Leute sind hochmotiviert. Das wichtigste im Moment ist die Sprache. Ohne Deutschkenntnisse funktioniert es nicht. Wir bieten deshalb verp ichtend Sprachkurse für jeden an, in der Schule sind es die DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) in allen Stadtteilen. Lehrer berichten mir, dass der Lernwille bei den Kindern aus diesen Bürgerkriegsländern grenzenlos groß ist. Integration ist nichts für Sontagsreden. Woraus es ankommt, ist, wie Integration im Alltag gelebt wird! Wenn es uns nicht gelingt, den syrischen Flüchtling ins nachbarschaftliche Leben im Sportverein, in der Kirche oder beim Einkaufen auf dem Marktplatz einzu- beziehen, dann scheitert Integration.

Was macht der Mensch Bernd Saxe am liebsten, wenn er nicht im Dienst ist?
Ich lese sehr viel, ich mache auch Sport – Radfahren und Segeln. Und ich versuche, jeden Tag eine halbe Stunde Bewegungstraining für die Fitness zu machen, was mir leider nicht jeden Tag gelingt.

Herr Bürgermeister, vielen Dank für das Gespräch.

TEXT Joachim Welding
FOTO Michael Ruff