Laura: „Wie lange werde ich eigentlich arbeiten müssen?“

Laura: „Wie lange werde ich eigentlich arbeiten müssen?“

Laura lacht. Sie lacht gern. In wenigen Monaten wird sie ihren Mittleren Schulabschluss in der Tasche haben. Und wie geht’s dann weiter? „Ich möchte auf jeden Fall eine Ausbildung machen, entweder in der Verwaltung, beim Finanzamt oder bei einer Versicherung“, erklärt sie uns ihren Plan. „Erste Kontakte habe ich auf der BOM, unserer schuleigenen Berufsorientierungsmesse, geknüpft. Jetzt werde ich in den Ferien noch ein Praktikum machen, und dann hoffe ich, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.“ Der Ausblick auf die Jobsuche schreckt sie nicht, obwohl ihre Noten besser sein könnten. „Auswendiglernen ist leider nicht so mein Ding“, gibt Laura zu, „dafür kann ich sehr gut bei praktischen Arbeiten überzeugen. Deshalb möchte ich auch erst einmal nicht weiter zur Schule gehen. Das kann ich auch später noch nachholen, wenn ich Lust dazu habe.“ Ein guter Punkt. Genau so ist es.

Laura ist gut vorbereitet auf das Berufsleben. Woher bezieht sie ihre Informationen? „An der Schule berät uns einmal pro Woche eine Dame von der Agentur für Arbeit. Die Lehrer machen mit uns eine Potenzialanalyse. Und natürlich gibt’s die BOM und die Schulpraktika. Auch meine Eltern machen Vorschläge und schubsen mich in die richtige Richtung. Von den Job-Magazinen lese ich gern ME2BE HIERGEBLIEBEN, weil das frech ist und echte Azubis zeigt. Aber ganz ehrlich? Manchmal denk ich, es reicht mir langsam an Infos, doch wahrscheinlich werde ich später noch mal dankbar dafür sein!“ Was wünschst du dir für deine berufliche Karriere, möchten wir noch wissen. „Ich möchte gern meinen Weg gehen und etwas erreichen“, äußert Laura zielstrebig. Eine Karriere vom Azubi zum Chef wär’ doch toll! Auf jeden Fall möchte ich als Mensch behandelt werden und nicht als Untergebene. Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig. Das finde ich an dem Beruf der Finanzwirtin toll. Gerecht ist, wenn alle ihre Steuern zahlen und diejenigen verfolgt werden, die es nicht tun.“ Laura lacht. Sie lacht gern. Das ist gut so.

„Manchmal denk ich, es reicht mir langsam an Infos, doch wahrscheinlich werde ich später noch mal dankbar dafür sein!“

WELCHE FRAGE MÖCHTEST DU DEM SCHLESWIG-HOLSTEINISCHEN MINISTER FÜR WIRTSCHAFT, ARBEIT, VERKEHR UND TECHNOLOGIE STELLEN?

Ich habe mich für eine Ausbildung entschieden, doch mir fehlt eine wichtige Information. Wie lange werde ich eigentlich arbeiten müssen?

REINHARD MEYER: Die Frage stellt sich wohl jeder am Anfang seines Berufslebens. Eine abschließende Antwort darauf gibt es nicht. Wer weiß schon, was in 40 Jahren ist? Heute macht man ja nicht mehr nur die eine Ausbildung, es geht ums „Lebenslange Lernen“. Eine berufliche Ausbildung bietet viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, neue Wege zu finden und Karriere zu machen. Berufstätigkeit und Familienzeit können sich abwechseln, ein Studium hinzukommen. Deshalb ist es nicht so wichtig, wie lange man arbeiten „muss“, sondern dass der gewählte Beruf Spaß macht und Perspektiven bietet.

WELCHE FRAGE MÖCHTEST DU DER SCHLESWIG-HOLSTEINISCHEN MINISTERIN FÜR SCHULE UND BERUFSBILDUNG STELLEN?

Wie können Sie es schaffen, dass alle Kinder aus sozial schwachen Familien gute Ausbildungsplätze bekommen?

BRITTA ERNST: Der soziale Hintergrund spielt bei der Ausbildungsplatzsuche nicht die entscheidende Rolle, sondern das Interesse und die Fähigkeiten für den angestrebten Beruf und die Auswahl des Ausbildungsbetriebes. Damit der Übergang von der Schule gelingt, werden Jugendliche ohne ausreichende berufliche Orientierung nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schulen in berufsvorbereitenden Bildungsgängen der Berufsschule in ihren Kompetenzen gestärkt. Zukünftig wollen wir auch mit Jugendberufsagenturen eine zentrale Anlaufstelle schaffen, die bei der Berufswahl berät und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz eng begleitet – bis zum Erfolg.

Text & Foto Christian Dorbandt

Interview mit Reinhard Meyer und Britta Ernst

Eine Frau lächelt in die Kamera.

Britta Ernst, Ministerin für Schule und Berufsbildung in Schleswig-Holstein.

 

Seit Langem gilt die Duale Berufsausbildung als Erfolgsmodell. Ist sie fit für die Zukunft? Warum?

BRITTA ERNST: Ja. Die Duale Berufsausbildung ist nicht nur fit für die Zukunft, wir werden im Ausland sogar um sie beneidet. 350 anerkannte Duale Ausbildungsberufe in Deutschland spiegeln die Vielfalt des Ausbildungsmarktes wider. Von diesen werden ca. 270 auch in den Betrieben in Schleswig-Holstein angeboten. Im Schuljahr 2013/14 gab es in Schleswig-Holstein 54.556 Auszubildende, die an den 33 Regionalen Berufsbildungszentren und berufsbildenden Schulen des Landes den schulischen Teil der Berufsausbildung erhielten. Trotz zurückgehender Schülerzahl versuchen wir, die berufliche Vielfalt in Schleswig-Holstein zu erhalten und damit die Duale Ausbildung als Weg in die Arbeitswelt für die Jugendlichen attraktiv zu gestalten. Ein Berufsabschluss aus Schleswig-Holstein ist bundesweit anerkannt. Mit einer verpflichtenden Fremdsprache, internationalen Austauschprogrammen, mehrsprachigen Berufsschulzeugnissen und der Angabe der im Deutschen (DQR) und internationalen (EQR) Qualifikationsrahmen erreichten Stufe fördern wir die berufl iche Mobilität in Europa von Anfang an.

Woran kann ein Schüler oder eine                                                  
Schülerin erkennen, ob ein Betrieb
eine gute Berufsausbildung anbietet?    

Ein Mann guckt in die Kamera.

Reinhard Meyer, Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie in Schleswig-Holstein.

REINHARD MEYER: Guten Ausbildungsbetrieben eilt ihr Ruf oft voraus. Zunächst gilt es, Informationen über den Betrieb zu sammeln, sich umzuhören. Ein gutes Zeichen ist, wenn Betriebe von sich aus Informationen über die Ausbildung und weitere Entwicklungsmöglichkeiten anbieten, zum Beispiel im Internet, bei Berufsmessen oder wenn die Betriebe schon vor der Ausbildung Praktika ermöglichen. Direkt Betriebe oder Auszubildende zu fragen, kann hilfreich sein. Offenheit bei den Betrieben für solche Nachfragen ist ein gutes Indiz. Und wenn Auszubildende mit ihrer Ausbildung zufrieden sind, sprechen sie auch gern darüber.

Manche Ausbildungsberufe haben bei jungen Leuten kein gutes Image, weil sie niedrige Verdienstaussichten mit schwerer körperlicher Arbeit verbinden. Was kann man dagegen tun?

MEYER: Diese Verbindung klingt im ersten Moment in der Tat nicht sonderlich attraktiv. Eine gute Vergütung kann ein wichtiger Aspekt für die Berufswahlentscheidung junger Menschen sein. Es gibt aber auch noch viele andere Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen. Das sind zum Beispiel soziale Faktoren wie das Betriebsklima oder Spaß und Freude, die man mit der Arbeit verbinden kann. Besonders in den vielen Kleinstunternehmen gibt es oft auch eine familiäre Atmosphäre, die große Organisationen nicht bieten können. Attraktiv sein kann auch die Möglichkeit, schon in der Ausbildung eigenverantwortlich und selbstständig zu arbeiten oder die Perspektive, sich nach der Ausbildung weiterzuentwickeln, weitere Qualifi kationen zu erwerben. Hier kommt es vor allem auf die Betriebe an, diese Vorteile herauszustellen.

„Guten
Ausbildungsbetrieben eilt
ihr Ruf oft voraus.“
(Reinhard Meyer)

Wo bekommen Schüler Unterstützung, die handwerklich gut sind, aber Probleme mit der (Berufs-)Schule haben?

ERNST: Sie werden in den Ausbildungsbetriebenvund in der Berufsschulevunterstützt. Zum einem haben sich beide auf Jugendliche mit schulischen Problemen eingestellt, kennen und nutzen bewährte Unterstützungssysteme. Weitaus wichtiger ist aber, dass in der Berufsschule der Auszubildende mit seinen ganzen Fähigkeiten und Kompetenzen wahrgenommen und ausgebildet wird. Berufsschulunterricht ist in Lernfeldern organisiert, d.h. die theoretischen Inhalte werden in berufspraktisch orientierten Handlungssituationen vermittelt. Die Verzahnung von schulischer und betrieblicher Ausbildung eröffnet vielen Jugendlichen eine neue Sicht aufs Lernen und hält Erfolgserlebnisse bereit, die sie aus der Schulzeit vorher nicht immer kennen.

Von wem bekommen Auszubildende Rückenwind, die zu Hause kaum Unterstützung erhalten und in der Berufsschule nicht mithalten können?

MEYER: Es gibt gute Angebote, die Auszubildende dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen. Ein Beispiel ist die Regionale Ausbildungsbetreuung, die Auszubildenden bei Problemen im Betrieb weiterhilft und auch Hilfe vermitteln kann, wenn es mit den schulischen Leistungen hapert. Dazu gehören unter anderem ausbildungsbegleitende Hilfen (abH). Solche Hilfen können vielgestaltig sein und von Nachhilfe bis hin zur pädagogischen Begleitung reichen. Die Ansprechpartner sitzen zum Beispiel in den Jobcentern oder den Kreishandwerkerschaften. Namen und Telefonnummern findet man auf der Internetseite
www.ausbildungsbetreuung.de.