„Immer schön lächeln und nicken!“ – Über die Erfahrungen einer Austauschschülerin

„Immer schön lächeln und nicken!“ – Über die Erfahrungen einer Austauschschülerin

In ein anderes Land ist jeder schon einmal geflogen. Doch wie viel von der fremden Kultur bekommt man am Hotelpool, abgesehen vom exotischen Buffet-Essen, überhaupt mit? Jana ist 18 Jahre alt und besucht die 12. Klasse des Beruflichen Gymnasiums am RBZ Wirtschaft in Kiel. Durch einen Schüleraustausch hat sie die Kultur Argentiniens kennenglernt und berichtet von ihren Erfahrungen.

Juan Schueleraustausch

Janas Argentinischer Austauschschüler Juan

Wenn Kulturen aufeinander stoßen
„Zur Zeit habe ich Besuch aus Argentinien. Als ich Juan vom Flughafen abgeholt habe, entstand gleich die erste peinliche Situation: Wie sagt man sich Hallo? Natürlich hat man schon viel miteinander geschrieben, aber das erste persönliche Treffen ist doch etwas ganz anderes. Ich entschloss mich ihn zur Begrüßung zu umarmen, er küsste mich auf die Wange. Ach ja! Küsschen! Vollkommen vergessen! Daraufhin wollte ich ihm einen zweiten Begrüßungskuss auf die Wange geben, so wie die Spanier es machen. Er schaute mich nur verwirrt an. In Argentinien reicht anscheinend einer aus…

Als wir zu mir nach Hause kamen und Juan das erste Mal auf meine Eltern traf, war es sehr amüsant mit anzuschauen, wie sie unseren neuen Gast mit ihren minimalen Englisch- und Spanischkenntnissen begrüßten. Am Esstisch versuchten sie mit den wildesten Gestiken Fragen zu stellen und Inhalte zu vermitteln, aber er saß nur höflich lächelnd und nickend da. Ich sehe mich bereits in der gleichen Position am Esstisch mit seiner Familie. Immer schön lächeln und nicken! Bei einer kleinen etwas lauteren Diskussion mit meinem Vater zückte er schnell das Handy und gab vor gar nichts mitzubekommen. Sehr lieb.

Empfehlungen
Auf Fragen wie: „Scheint hier eigentlich auch mal die Sonne?“ muss man vorbereitet sein, wenn man südländischen Besuch im Dezember bekommt. Man bedenke, dass es in Argentinien gerade 33 Grad warm ist und die Flucht vor der Sonne dort fast unmöglich scheint.
Ein kleiner Tipp für die Eingewöhnungszeit: Junior Activity spielen. Das bricht das Eis, die Austauschschüler lernen dabei Deutsch und es wird viel gelacht.
Da ich in einer WG wohne, konnte Juan viele Freiheiten genießen, musste aber natürlich auch mit anpacken. Bei seiner ersten Wäsche hat sich leider noch ein T-Shirt meines Mitbewohners von weiß in rot gefärbt, aber das passierte kein zweites Mal. Nach einer kurzen Abwasch-Anleitung merkte er auch, dass es effizienter ist das Geschirr mit Schwamm und Spüli zu reinigen, anstatt nur mit Wasser die Krümel runterzuspülen. Ich kann also sagen, dass er bei mir zu Hause etwas lernen konnte. Ich bin gespannt was mich bei ihm erwartet!
Im normalen Alltag kann es schwierig werden, genug Zeit für einen Austauschschüler zu finden. Meine persönliche Empfehlung ist es, jemanden in den Ferien aufzunehmen, sodass genug Zeit bleibt, um eine Freundschaft aufzubauen.

Jana mit den Argentinischen Austauschschuelern

Jana, Juan und Juan verbringen gerne ihre Mittagspause zusammen in der Mensa

Stereotypes kommen aus der Mode
Ich fand es schon immer spannend, andere Länder kennenzulernen und freue mich darauf, Juans Kultur im Sommer zu erforschen. Jede Nation verbinden wir mit einem bestimmten Stereotypen, der meiner Erfahrung nach aber nur in den seltensten Fällen zutrifft. In Frankreich zum Beispiel war es eine Afroafrikanerin, die mir die typische französische Kultur vermittelt hat. Einzig ihre Perückensammlung ließ durchblicken, dass sie aus Afrika kommt, wo wegen der hohen Temperaturen Kurzhaarfrisuren bevorzugt werden. In Spanien war ich bei einer Familie in der der Vater Engländer war, der Sohn jedoch trotzdem durch und durch ein Spanier. Bei der typisch englischen Tea-time handelt es sich auch um einen Mythos, denn die meisten britischen Familien nennen ihre Abendmahlzeit Tea-time, obwohl es keinen Tee und Kuchen gibt. Dennoch wird am Tag eine große Menge an Teebeuteln verbraucht. Bekanntlich lässt „a cup of tea“ ja auch sämtliche Sorgen in Dampf aufgehen.

„Ein kleiner Tipp: Junior Activity spielen. Das bricht das Eis!“

Neugierig geworden? Deine Möglichkeiten
Wenn ich dich jetzt neugierig gemacht habe und du selbst an einem Austausch teilnehmen möchtest, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es kommt dabei ganz darauf an, was du dir wünschst: Möchtest du nur jemanden aufnehmen, nur selbst in das andere Land reisen oder ganz klassisch jemanden bei dir begrüßen, um ihn dann später auch in seinem Heimatsland zu besuchen? Außerdem solltest du entschieden, wie lange der Austausch dauern soll. Von einer Woche bis zu einem Jahr ist alles möglich.

Wenn es sich nur um einen kurzen Zeitraum handelt, also keine Schule besucht werden soll, ist es möglich auch privat eine Gastfamilie zu finden und die Reise eigenständig zu organisieren. Es gibt dafür noch kein offizielles Forum, aber mit Glück meldet sich jemand auf eine Online-Anzeige. Ansonsten sind Auslandskontakte nötig. Für längere Zeiträume ist es deutlich schwieriger den Austausch privat zu organisieren, weil die meisten Schulen keine Schüler ohne Organisation aufnehmen oder hohe Gebühren verlangen.

Organisationen wie EF, team oder IST vereinfachen die formellen Abläufe, sind aber dafür teurer.
Wenn das gewünschte Zielland ausgerechnet Amerika ist, sinken die Chancen auf ein Minimum, weil es sehr schwierig ist ein Visum zu erlangen, wenn man keine Organisation vorweisen kann. Plan B ist das Self-Placement. Beim Self-Placement kann man seine Wunschfamilie bei der Organisation angeben, so lange es sich um keine Familienmitglieder ersten und zweiten Grades handelt. Wenn man die Kosten und die Risiken betrachtet, erkennt man schnell, dass eine Organisation eine gute Wahl ist. Aber aufgepasst: Das Angebot an Organisationen ist groß und nicht jede setzt sich gleichermaßen für ihre Schüler ein. Hier setzt man am besten auf die Erfahrungsberichte der ehemaligen Teilnehmer.

Juan Schueleraustausch

Juan ist nicht alleine nach Deutschland gekommen – Er hat seinen Klassenkameraden aus Argentinien mitgebracht

Alternative Möglichkeiten bieten mittlerweile viele Schulen an, aber auch Gemeinden versuchen den Kontakt zu ihren Partnerstädten durch einen Austausch zu verbessern. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Partnerland nicht das gewünschte Land ist, ist jedoch hoch. Es handelt sich hierbei also eher um eine Option für die Weltenbummler unter euch, die kein genaues Reiseziel vor Augen haben!“

TEXT Jana Smolka
FOTOS Merle Jurzig