„Ich hätte es sowieso irgendwann gemacht!“

„Ich hätte es sowieso irgendwann gemacht!“

Zwei Freunde aus Arnis wagen die berufliche Selbständigkeit

Sein eigener Chef sein! Unabhängig und selbständig! Für viele Jugendliche ein großer Traum. Jährlich werden bundesweit rund 350.000 selbständige Unternehmen gegründet. Der Anteil der Selbständigen auf dem Arbeitsmarkt liegt bei knapp 11 Prozent, der Anteil junger Selbständiger in der Altersgruppe der 18-34-Jährigen ist jedoch eher gering. Motive für den Sprung in die Selbständigkeit gibt es viele: Nie mehr dem Meister hinterherfegen, Arbeitszeiten flexibel gestalten, alles selbst entscheiden. Die Kehrseite der Medaille: Kein regelmäßiges Einkommen und permanente Auftrags­akquise. Jan Brügge und Niclas Nickel (Spitzname „Nickel“) aus Arnis haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt und versuchen nun, auf eigenen Beinen zu stehen. ME2BE hat sie an der Schlei besucht und sie nach ihren Motiven und Zukunftswünschen befragt.

Moin Jan, moin Nickel. Ihr seid auf dem Weg in die Selbständigkeit. Was habt ihr für eine Ausbildung gemacht und was genau habt ihr jetzt vor?
Jan: Moin. Ich habe eine Bootsbau-Lehre in Kappeln absolviert und in diesem März meinen Meistertitel erworben. Seit April firmiere ich unter meinem Namen Jan Brügge, selbständiger Bootsbaumeister, Werft Königstein. Ich biete alle Bootsbauarbeiten an, von Service- und Reparaturarbeiten bis hin zu Umbauten, aber auch Beratung und Segeltraining sowie Schiffsüberführungen. Auch als Skipper kann man mich buchen, vorausgesetzt, das passt in meinen Terminkalender.
Nickel: Moin. Ich habe eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker abgeschlossen und anschließend im Yachtservice und bei einem Tauchroboterhersteller gearbeitet. Jetzt möchte mich im Bereich Metall, Design und metallhandwerkliche Supportdienstleistungen selbständig machen. Zu meinen Leistungen werden Service- und Metallarbeiten zählen, sowohl im Bootsbau als auch in anderen Branchen. Die ersten Anfragen sind schon da.

„Schon in der Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir das Handwerk liegt und ich gute Leistungen erziele.“

Was ist eure Motivation, selbständig arbeiten zu wollen?
Nickel: Bei mir liegt das Selbständigkeits-Gen in der Familie. Schon mein Opa war in Arnis Schlosser und Kunstschmied, den hier alle kannten. Und ich hatte einige Schlüsselerlebnisse. In der Schule zum Beispiel hatte ich eine Lehrerin in fast allen Fächern, die mich nicht leiden konnte. Im Abschlusszeugnis hatte ich ziemlich hohe Zahlen und begann deshalb mit dem Hauptschulabschluss meine Ausbildung. Bezeichnenderweise hatte ich danach auf der Berufsschule einen 2er-Durchschnitt und erhielt den Mittleren Schulabschluss on top. Später als Geselle empfand ich bestimmte Entscheidungen ausgesprochen ungerecht, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte. Deshalb gehe ich jetzt in die Selbständigkeit. Ich hätte es sowieso irgendwann gemacht!
Jan: Schon in der Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir das Handwerk liegt und ich gute Leistungen erziele. Ich durfte bereits Projektleitungen übernehmen und wurde mit Abschluss der Gesellenprüfung sogar Landes- und Bundessieger. Als selbständiger Bootsbauer habe ich die Möglichkeit, alles selbst zu entscheiden und alles so umzusetzen, wie ich es für richtig halte. Das war ein besonderer Anreiz.

Welche Wünsche oder Ängste begleiten euch?
Jan: Ich wünsche mir, dass die Selbständigkeit so gut weiterläuft, wie sie begonnen hat. Ich teile mir die Werkstatt mit anderen gewerblichen und privaten Bootsbauern. So kann ich die Betriebs- und Maschinenkosten überschaubar halten. Demnächst stelle ich meinen ersten Auszubildenden ein. Auch ein Geselle soll folgen. Das wird spannend, bedeutet aber auch viel Arbeit. Ich bin jetzt auch noch Vater geworden. Viel Zeit für’s Regattasegeln werde ich in absehbarer Zeit nicht haben.
Nickel: Ich stelle mich darauf ein, dass ich am Anfang kleine Brötchen backen muss. Aber dafür fühle ich mich frei und unabhängig. Ich bin gespannt auf meinen Weg, auch wenn er nicht einfach sein wird. Aber die beruflichen Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe, haben mich zu diesem Schritt motiviert. Ich möchte nicht in der Industrie an der CNC-Fräse arbeiten, sondern mit Liebe zum Detail ein Einzelstück herstellen. Dafür nehme ich mir die nötige Zeit und pfusche das nicht hin. Wichtig ist, dass ich das tun kann, was mir Spaß macht und mit meinem Herzen dabei bin. So arbeite ich als Feinwerkmechaniker, so baue ich Longboards, so singe ich … und so spiele ich auch Gitarre!

TEXT Christian Dorbandt
FOTOS Anja Berndt, Sebastian Weimar