Gutes Benehmen öffnet Türen

Gutes Benehmen öffnet Türen

Interview mit Moritz Freiherr Knigge

Gutes Benehmen öffnet Türen, erobert Herzen und hilft im Supermarkt an der Schlange, wenn man es mal eilig hat und vorgelassen werden möchte. Was aber ist gutes Benehmen? Gespräch mit einem, der es wissen muss: Moritz Freiherr Knigge ist ein Berater für Umgangsformen und ein Nachfahre von Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796), nach dem Dutzende von Benimmratgebern benannt wurden (z.B. „Der neue große Knigge: Gutes Benehmen und richtige Umgangsformen”, „Knigge, Kleider und Karriere: Sicher auftreten mit Stil und Etikette”).

Ein Mann in Anzug sitzt an einem Tisch.Was glaubst du, warum „Knigge” heute noch so ein bekannter Name in Deutschland ist?
Der Begriff „Knigge” ist seit dem Erscheinen des Buches „Über den Umgang mit Menschen“ im Jahr 1788 von Adolph Freiherr Knigge in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch zur Beschreibung richtigen Handelns übergegangen. Man muss aber betonen, dass das Werk selbst keine Etikettebuch ist. Viele stellen sich vor, dass Knigge wie eine Art Haushofmeister den Kindern von Königen und Fürsten das richtige Essen mit Messer und Gabel beigebracht hat. Da kann ich immer nur sagen, dass ihn die damaligen Fürsten nie an ihre Kinder herangelassen hätten. Knigge galt als Querdenker und hat sich in seinem Stand extrem unbeliebt gemacht. Er hat sogar im Gefängnis gesessen, weil er für die Französische Revolution eingetreten ist. Für Knigge war gutes Benehmen selbstverständlich. Es gibt in seinem Buch nur eine Stelle, wo er über Etikette schreibt. Da listet er die damaligen Benimmregeln auf und beendet den Satz mit der Bemerkung: „Dies sind nur die kleinen Dinge der Welt, aber jeder kluge Mensch sollte sich darüber bewusst sein, dass er in seinem Leben immer wieder Menschen treffen wird, denen diese Regeln wichtig sind. Deshalb wäre es dumm, sie zu missachten.”

Was ist die Grundregel von gutem Benehmen?
Für mich ist die Basis immer anzufangen, bewusst zu handeln, also wirklich den Kopf einzuschalten und sich Gedanken zu machen, wo ich bin, mit wem ich zusammen bin und was in der konkreten Situation angemessen ist. Der Gedanke der Angemessenheit ist dabei sehr wichtig. Ich lehne deshalb auch die meisten steifen Etikettekurse ab, die bringen gar nichts und sind eher kontraproduktiv. Da lernen die Menschen irgendwelche komischen Regeln auswendig, die teilweise nicht einmal miteinander übereinstimmen. Da sagt der eine das und ein anderer sagt etwas völlig anderes. Da frage ich mich, was mir solche Regeln bringen sollen. Soll ich Menschen, die andere Etiketteregeln gelernt haben, sagen: „Sie sind ja ein Banause, was machen Sie denn da?” Das Verhalten eines anderen Menschen öffentlich zu bewerten ist das Unhöflichste, was man überhaupt tun kann. Der höfliche Mensch beobachtet und schweigt, außer jemand handelt respektlos und verstößt gegen die guten Sitten.

Wie schätzt man in einer neuen Situation, die man nicht kennt, ab, was angemessen und unangemessen ist?
Sollte man sich dem Verhalten der Mehrheit anpassen oder sollte man es doch so machen, wie man es selber gelernt hat? Wenn man unsicher ist, rate ich immer, einfach zu fragen. Wenn man auf eine Veranstaltung eingeladen ist und mit dem Dresscode auf der Einladung nichts anfangen kann, würde ich den Gastgeber fragen, was er etwa mit „Black Tie” meint. Die meisten Menschen, die fehlgekleidet erscheinen, fühlen sich ja selbst unwohl – es sei denn, sie wollen bewusst wie ein bunter Hund zwischen den anderen Gästen herausstechen. Das finde ich persönlich aber als respektlos gegenüber dem Gastgeber, der sich bei dem Dresscode ja etwas gedacht hat. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, als Gast dem Wunsch meines Gastgebers nachzukommen.

Wie handelt man, wenn man im Ausland ist und gröbere nationale Sitten live erlebt?  In China ist öffentlich rülpsen oder auf den Boden spucken völlig normal. Rülspst man da mit oder hält man sich besser vornehm zurück?Eine Hand betätigt einen Schalter am Gehirn.
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Was man aber auf keinen Fall tun sollte, ist es offen als ekelig zu bewerten und zu kritisieren. Die meisten Asiaten empfinden das Naseputzen ja als unangenehm, da wird eher hochgezogen. Ich habe sogar ein gewisses Verständnis dafür, dass man es komisch findet, seine Nase mit einem Tuch zu putzen und es anschließend wieder in die Tasche zu stecken. Es ist aber auch völlig egal, wie ich das bewerte. Es ist da so. Der wertschätzende Mensch schaut sich das an und entscheidet sich dann, wie er sich verhält. Niemand zwingt einen hochzuziehen, wenn man Schnupfen hat. Man muss aber auch nicht vor anderen in ein Taschentuch schnäuzen, wenn man sich darüber bewusst ist, dass das eher kritisch beäugt wird. Ich würde raten, kurz zu verschwinden und sich auf der Toilette die Nase zu putzen. Wenn man in das Ausland reist, kann man sich vorab gut im Internet informieren. Dort findet man Verhaltenstipps zu fast allen Ländern auf der Erde.

Wie bewertest du das Benehmen der Jugendlichen von heute? Siehst du einen Trend zu mehr oder weniger Benehmen?
Es gibt schon seit Menschengedenken einen Konflikt zwischen älteren und jüngeren Menschen. Du kannst dir Texte von Sokrates durchlesen, wo er auf die jungen Menschen schimpft. Irgendwie scheinen junge Menschen völlig anders zu kommunizieren als ältere Menschen und beide Gruppen fühlen sich deshalb immer wieder voneinander provoziert. Bemerkungen wie „Junge Menschen sind immer respektlos” halte ich für total albern. Das stimmt einfach nicht. Was sich geändert hat und was ich gut finde ist, dass es nicht mehr diesen unbedingten Kadavergehorsam gegenüber älteren Menschen gibt. Junge Menschen sind ein wenig mutiger geworden im Umgang mit Älteren und lassen sich nicht mehr so einfach den Mund verbieten. Was ich aber generell ablehne, ist respektloses und unverschämtes Verhalten gegenüber anderen Menschen. Dabei ist es völlig egal, ob es junge oder alte Menschen sind.

Bei Facebook wird gerne aus der sicheren Deckung heraus provoziert und beleidigt.
Wer seinen Kopf einschaltet, dem muss doch klar sein, dass ich im Internet nicht anonym bin – völlig egal, was für einen Usernamen ich benutze. Zu Knigges Zeiten gab es zwar kein Internet, es gab aber das Briefeschreiben und Knigge schreibt an einer Stelle: „Vergiss niemals, dass ein abgeschickter Brief weg ist.” Was weg ist, ist weg. Das sage ich Menschen heute noch. Da kann man auch nichts mehr machen, wenn man etwas aus einer Laune heraus geschrieben hat. So entstehen Hassnachrichten, in denen man sich gegenseitig nur noch beschimpft. Meistens ist der Ursprung ein Missverständnis – wie übrigens fast alle Konflikte zwischen Menschen.

TEXT Slaven Marinovic
FOTOS Moritz Freiherr Knigge